Reisebericht Friesland

Marsch zum Upstalsboom

oder

Von Fußschmerzen und fetten Engeln



Die Komthurey sandte an Pfingsten eine spärliche Delegation von zwei bewaffneten Diplomaten zum Friesischen Upstalsboom, wo am Dienstag nach Pfingsten nach alter Tradition ein jeder sein persönliches Anliegen vorbringen konnte und wo Recht gesprochen wurde.

Wir schlossen uns also einem kleinen Händlerzug, angeführt von unserem alten Freund Okko van der Felde von der Gruppe „Strandtgood“ an und marschierten gemeinsam innerhalb von drei Tagen von Bagband zum Upstalsboom in Rahe.

Am Freitag kamen wir, Bruder Konrad und ich, in Bagband an, wo wir unser Zelt aufschlugen, die Sonne brannte, und schon auf der Autofahrt hatten wir aufpassen müssen, dass wir uns keinen Sonnenbrand holen. Wir waren nur mit leichtem Gepäck unterwegs, um versuchsweise den größten Teil unserer Ausrüstung selbst tragen zu können. Nur unser Zelt, unsere neumodischen Schlafsäcke und eine Truhe, ebenfalls überwiegend gefüllt mit neumodischem Krimskrams, wollten wir in den Bulli laden, der auf den Etappen als Tross vorfahren sollte.

Früh ging es am Samstagmorgen los, um rechtzeitig um neun Uhr abmarschbereit zur Messe zu erscheinen. Wir rödelten uns also auf: Gambi an, Wappenrock drüber, Bündel mit Decken, Fellen und Trinkflasche umgehängt, Pilgertasche mit Essgeschirr und Wegzehrung über die Schulter, Schild auf dem Rücken, Schwert umgeschnallt, Helm auf dem Kopf und Standarte in der Hand. So beladen ging die Wanderung los. Mit dem geistlichen Segen als Rückenwind trugen unsere Füße uns bis zum Mittag nach Timmel. Dort wurden wir direkt in einen örtlichen Biergarten eingeladen – man hatte uns nämlich schon erwartet. Eine Apfelschorle, ein Radler und eine grenzwertige und leicht irritierende bayrische Akkordeon- und Tubavorführung später ging es weiter. In Timmel schloss sich uns für den Rest des Tages eine sehr freundliche fünfköpfige Familie aus der Umgebung an.

13,5km nach unserem Aufbruch in Bagband erreichten wir Lübbertsfehn, wo an der dortigen Naturschutzstation mit kleinem Museum ein winziger Mittelalter-Markt anlässlich unseres Marsches stattfand. Allerdings waren wir vom Marsch so erschöpft, dass wir uns ins Zelt legten und erst wieder zu uns kamen, als die Marktbesucher alle verschwunden waren. Solange dienten wir dann als lebende Anschauungsobjekte dafür, wie anstrengend ein Marsch in mittelalterlicher Ausrüstung auf Pflaster- und Asphaltstraßen bei brennender Sonne ist.

Die Abende verbrachten wir in geselliger Runde. Neben ausführlichen Unterrichtsstunden über friesische Geschichte und allerlei Gesang, erfuhren wir von Bruder Konrads Vorliebe für fette Engel und ließen uns von einer der mitreisenden Händlerinnen die geschundenen Körper massieren. Es sei gesagt, dass es trotz verfänglichem Bildmaterial zu keinen sündhaften Verstößen gegen die Ordensregel kam.

Am nächsten Morgen fiel der Aufbruch schon deutlich schwerer. Allen lagen die 13,5km vom Vortag in den Knochen. Während die Ledersohlen unter Konrads Füßen besorgniserregend dünn wurden, ich selbst auf dem rechten Fuß zu humpeln begann und Okkos Füße von Blasen zerschunden waren, quälten wir uns weiter gen Ihlow. Umso glücklicher waren wir über die Begleitung von Dagmar, einer fürsorglichen Kräuterfrau, die unsere Wehwehchen mit allerlei Arzneien vom Wegesrand zu lindern vermochte. Mittags kamen wir dann in Ihlow an, wo wir an den Ruinen eines alten Zisterzienserklosters nach gnädigen 4,5km unser nächstes Etappenziel erreichten.

Trotz eines kleinen Zwischenfalls mit der betrunkenen Dorfjugend verbrachten wir eine geruhsame Nacht bevor wir zur letzten Etappe zum Upstalsboom aufbrachen.

Der gute Okko, dem bei verrutschter Hüfte und geschwollenen Füßen verständlicherweise nicht mehr nach Wandern zumute war, musste auf dem letzten Stück leider aussetzen. Auch ich beschloss den letzten Tag auf meine Ausrüstung zu verzichten und lud schweren Herzens alles bis auf leichte Gewandung und meine Pilgertasche auf den Bulli. Also humpelte ich an diesem Morgen ohne Rüstung, dafür auf einen Stab gestützt dem Endziel, Rahe, entgegen. Nur Bruder Konrad hielt wortwörtlich tapfer die Standarte des Tempels hoch und trug eben diese neben sich und seiner sonstigen Ausrüstung für weitere 7km durch Friesland.



Dabei kam es zwischen uns zu folgendem Dialog.



„Konrad, soll ich dir die Standarte für ein Stück abnehmen?“

„Jesus hat sein Kreuz auch alleine getragen.“

„Aber auch nicht den ganzen Weg.“

„Mir haben sie vorher auch nicht die Fresse poliert.“



Nachdem er zur Strafe für diese Blasphemie den Rest der Strecke stillschweigend im Gebet zurückgelegt hatte, erreichten wir die gemütliche Wiese, auf der wir zum letzten Mal das Nachtlager aufschlugen.

An diesem Abend besuchten uns einige geschichtsinteressierte Anwohner, die überwiegend durch die Zeitung auf uns aufmerksam geworden waren. So hatten wir alle die Gelegenheit in wundervoller Atmosphäre den schönen Klängen der Gruppe „Oilensanc“ zu lauschen, die hiermit allen Freunden mittelalterlicher Musik ans Herz gelegt sei.

Am nächsten Morgen machten wir uns bald daran das Lager abzubauen und uns von unseren friesischen Freunden zu verabschieden. Das Wochenende war für uns eine bis dato einmalige und faszinierende Weise Mittelalter zu erleben. Auf jeden Fall war es eine gute Abwechslung zu den üblichen „standfesten“ Lagern.

Zusammenfassend möchte ich festhalten. Wenn es ums Marschieren geht, dann heißt es für uns: „Mehr davon!“



Nikolaus Berchovesche von Wilkinghof aka Niko








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